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„Wir sollten froh sein, dass sich im beginnenden Wahlkampf abzeichnet, dass überhaupt gestritten werden kann!“ Armin Nassehi

27.04.2017

Man könnte meinen, es ginge um einen Wettbewerb. Darum, wer es am besten schafft, die komplexen Fragen und Probleme unserer Zeit so zu vereinfachen, dass simpelste Antworten sich daraus ergeben.  Trump, le Pen, Erdogan und wie die Vereinfacher alle heißen, sind mitten in diesem riskanten Spiel – und finden auch noch viel Unterstützung darin. Armin Nassehi erklärt im Interview, warum die erreichte Komplexität unserer Gesellschaft nicht einfach weggeredet werden kann und warum Streit in der Politik gerade heute gut ist.

 

Die Populisten haben vielerorts auf dieser Welt Oberwasser gewonnen. Mit einfachen Antworten begegnen sie der Komplexität der Welt. Und gewinnen Anhänger und Wahlen. Werden wir gerade Zeuge einer Rückkehr der Demagogen, Vereinfacher und Besserwisser in der Politik?


Ja, das werden wir ohne Zweifel, und es ist kein Zufall, dass das gerade jetzt geschieht. Der politische Populismus, aber auch manche ökonomische Vereinfachung und technologische Utopie versuchen ja nur zu kaschieren, dass es anderer Denkungsarten bedarf. Die Demagogen, Vereinfacher und Besserwisser sind der deutlichste Ausdruck dessen, dass Lösungen nicht zum Nulltarif zu haben sind und dass man die Komplexität der Gesellschaft, ihre Widerständigkeit und ihren Eigensinn nicht einfach wegplappern kann - weder im demagogischen Ton populistischer Schreier, noch im hochnäsigen Ton der moralisch Wohlgenährten.

 

 

 

Sie haben Ihr Buch "Die letzte Stunde der Wahrheit" offenbar deshalb komplett überarbeitet und teilweise neu geschrieben. Was hat Sie zu dieser ungewöhnlichen Aktion gedrängt?


Die erste Version des Buches hat sich stark auf die politische Perspektive konzentriert. Ich habe mich für die Neufassung entschieden, um das zentrale Argument noch deutlicher zu machen: Die Komplexität der Gesellschaft besteht darin, dass gleichzeitig und unvermittelt so viel Unterschiedliches geschieht, dass es nicht linear kontrolliert werden kann. Dafür biete ich begriffliche Mittel an, die aus langjährigen theoretischen und empirischen wissenschaftlichen Arbeiten stammen und hier auf einen lesbaren Begriff gebracht werden - konzentriert, gebündelt, noch stärker auf den Kern der Idee bezogen. Herausgekommen ist ein Vademecum für diejenigen, die mit der Komplexität umgehen wollen und müssen, statt sich vor ihr zu verstecken oder sie zu fürchten.

 

In Deutschland tritt noch in diesem Jahr ein einfacher Mann aus Würselen gegen eine Frau aus der Uckermark an. Der Wahlkampf verlangt einfache Wahrheiten. Was dürfen wir in den nächsten Monaten erwarten? Einfach, noch einfacher, am vereinfachendsten?


Ich habe schon öfter beklagt, dass der Populismus, vor allem von rechts, auch eine Reaktion darauf ist, dass innerhalb des demokratischen politischen Spektrums zu wenige Alternativen sichtbar werden - und zwar legitime Alternativen und konkurrierende Konzepte. Vielleicht sollten wir froh sein, dass sich im beginnenden Wahlkampf abzeichnet, dass überhaupt gestritten werden kann - und zwar unter zivilisierten Gegnern. Wahlkämpfe spitzen immer vereinfachend zu - aber die Alternative wäre gewesen, dass alle diesseits der demagogischen Zumutung der Populisten Einigkeit hätten simulieren müssen. Insofern reagiert das politische System gerade mit einer interessanten Komplexitätssteigerung. Ob es dazu kommt, dass dabei intelligentere Lösungen diskutiert werden, steht dahin. Die Voraussetzung dafür ist so aber eher gegeben.

 

"Die letzte Stunde der Wahrheit. Kritik der komplexitätsvergessenen Vernunft" von Armin Nassehi ist im April 2017 in der kursbuch.edition erschienen.

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